Texte zu den Isländersagas

 

Die Saga von Gunnlaug Schlangenzunge

Ein isländischer Skalde ist der Held der Saga von Gunnlaug Illugason, der wegen seiner Fähigkeit, verletzende Spottverse zu dichten, ‹Schlangenzunge› genannt wird. Die Saga von Gunnlaug Schlangenzunge gehört zu jener Gruppe der Isländersagas, die man üblicherweise als Skaldensagas bezeichnet. Die Helden dieser Sagas sind zumeist schon zu Lebzeiten berühmte Skalden, deren Leben und Wirken die Sagas schildern. Die Skaldenkunst war seit dem 10. Jahrhundert eine isländische Domäne, und gute isländische Skalden waren daher gerngesehene Gäste an Königshöfen. Ein kunstvolles Preisgedicht auf einen Herrscher mehrte das Ansehen des Regenten ebenso wie den Ruhm des Skalden. Die Saga von Gunnlaug Schlangenzunge schildert die Zuneigung des Skalden Gunnlaug zur schönen Helga. Die Handlung der Saga wird schon zu Beginn durch den Traum von Helgas Vater Þorsteinn Egilsson präfiguriert – er träumt von einem schönen Schwan, um dessen Gunst zwei Adler kämpfen, die beide den Tod finden. Die Geschichte von Gunnlaug und Helga war wohl weithin bekannt und hat auch auf einem anderen Weg in das kollektive Gedächtnis der Isländer gefunden. Seine Antwort auf Jarl Eiríks Frage, warum er trotz einer schlimmen Wunde am Fuß noch aufrecht gehen könne, ist bis heute in Island ein geflügeltes Wort: ‹Man soll nicht hinken, solange beide Beine gleich lang sind›. Thomas Esser

Die Erzählung von Auðunn aus den Westfjorden

Die Erzählung von Auðunn aus den Westfjorden gilt als Perle unter den sogenannten Íslendingaþættir und als besonders gelungenes Beispiel ihrer Art. Es ist eine jener kurzen Erzählungen, die vom Schicksal eines Isländers handeln, den es auf seinen Reisen ins Ausland verschlägt. In knappen Worten erfährt man, wie Auðunn sein Glück macht, nachdem er in Grönland in den Besitz eines Eisbären gekommen ist. Matthias Kruse

Die Saga von Egill Skalla-Grímsson

Die Egills-Saga, die die Lebensgeschichte des wohl berühmtesten aller isländischen Skalden, Egill Skalla-Grímsson, erzählt, gehört zu den ältesten Isländersagas. Die Ursprünge von Egills Familie liegen im Norden Norwegens, einer Region, die in den Sagas besonders mit Dämonie und Zauber verbunden ist und die eine Reihe von gewaltigen, aber doch eher finsteren Helden hervorgebracht hat. Egills düsteres Aussehen, sein aufbrausendes und zur Ekstase, dann aber wieder zur Schwermut neigendes Wesen, seine Egozentrik, seine Habsucht und sein Geiz und nicht zuletzt seine dichterische Begabung passen sehr deutlich in dieses Bild. Thomas Esser

Erzählung vom sagakundigen Þorsteinn

In der kurzen Erzählung vom sagakundigen Þorsteinn kommt ein Isländer an den norwegischen Königshof, seine besondere Fähigkeit ist es, aus dem Gedächtnis Sagas vorzutragen. Diese Erzählung, selbst an das Medium der Schrift gebunden, möchte uns glauben machen, dass das mündliche Erzählen von Sagas eine weit vor die Schreibezeit zurückreichende, spezifisch isländische Tradition ist. Thomas Esser

Die Saga von Gísli Súrsson

Die Saga von Gísli Súrsson ist eine Ächtersaga, deren Hauptfigur ein Geächteter ist und deren Handlung sich wesentlich um die Vorgänge dreht, die zu seiner Ächtung führen, und um seine Zeit in der Acht. Familienehre und persönliches Ehrempfinden einerseits, familiäre und sexuelle Beziehungen andererseits geraten hier in Konflikt miteinander und motivieren die aufwühlende Handlung, die sich auf den dramatischen Höhepunkt zuspitzt, als Gísli am Ende seinen Feinden gegenübersteht. Gísli erschlägt im Interesse der Familienehre zwei junge Männer, die seiner Schwester Þórdís allzu nahestehen, während sein Bruder Þorkell aus Freundschaft zu den beiden Männern ein Auge zudrückt. Dieser Konflikt weist deutliche Parallelen zum Nibelungenstoff auf, ein Zusammenhang, der von dem Norweger Magnus Olsen bereits 1928 ausführlich untersucht worden ist. In der Nibelungenüberlieferung steht Siegfrids Witwe Kriemhild vor der gleichen tragischen Entscheidung zwischen Brüdern und totem Ehemann, wie dies bei Gíslis Schwester Þórdís der Fall ist. Nimmt man Stoff, Thema und erzählerische Gestaltung der Saga von Gísli Súrsson zusammen, so ergibt sich das Bild einer Erzählung, die auch den modernen Leser in ihren Bann ziehen kann. Der Erzähler dieser Saga vereinigte in sich weitgespannte literarische Interessen und Kenntnisse (lokale isländische Überlieferung, germanische Heldensage, eddische und skaldische Dichtung) mit einer meisterhaften Beherrschung der altisländischen Kunst der Prosaerzählung. Es ist nicht erstaunlich, dass die Faszination dieser Saga über Jahrhunderte hinweg lebendig geblieben ist, vom mündlichen Vortrag über die Lektüre bis hin zum Spielfilm unserer Tage. Ulrike Strerath-Bolz

Die Saga von den Leuten aus dem Laxárdal

Die Saga von den Leuten aus dem Laxárdal ist eine der bemerkenswertesten und wichtigsten Isländersagas. Bemerkenswert ist die zentrale Rolle, die eine Frau in dieser Auswanderergeschichte spielt. Unn die Weise bringt nicht nur ihre Kinder und Enkel heil durch kriegerische Ereignisse auf den Britischen Inseln bis nach Island, sondern wird dort auch zur ersten und zeit ihres Lebens tonangebenden Siedlerin, die weite Landstriche im Westen der Insel in Besitz nimmt, und zur Stammmutter nahezu aller wichtigen Personen der Saga. Angefangen bei ihren verfeindeten Urenkeln, den Halbbrüdern Hrút und Höskuld, über den pracht- und friedliebenden Sohn des Letzteren, Ólaf Pfau, bis hin schließlich zu der wohl ritterlichsten Gestalt der gesamten Sagawelt, Bolli Bollason dem Prächtigen, umspannt die Saga einen Zeitraum von bald zweihundert Jahren.
Den Kern der Saga macht die unglückliche Liebes- und Dreiecksbeziehung zwischen Guðrún Ósvífsdóttir und den eng befreundeten Ziehbrüdern Kjartan und Bolli aus. Ihre Verwicklungen und ihr tragischer Ausgang verleihen der Saga einen in der Gattung einzigartigen, geradezu romantischen Schimmer. Nimmt man noch den fließenden und wortreichen Stil des glänzenden Erzählers hinzu, der französische und anglonormannische Versepen kannte, dann trägt das zur Erklärung bei, weshalb die Saga bis heute zu den meistgelesenen und beliebtesten zählt und ihre ‹Modernität› gerühmt wird. Karl-Ludwig Wetzig

Die Saga von Hrafnkell Freysgoði

Die Saga von Hrafnkell Freysgoði ist knapp und hat eine einfache klare Handlung: Hrafnkell kommt mit seinen Eltern aus Norwegen, gründet einen eigenen Hof und schwingt sich mit Geschick und Gewalt zum lokalen Anführer auf. Es ist noch vorchristliche Zeit, und in Verbindung mit seiner Verehrung für den Gott Frey ist Hrafnkell bald auch als Gode etabliert, womit seine Position endgültig so gefestigt ist, dass eigentlich nichts mehr passieren kann. Er widmet sein edelstes Pferd Frey und legt einen Eid ab, denjenigen zu töten, der auf dem Hengst reitet. Die Saga von Hrafnkell Freysgoði hat geradezu eine geographische Obsession.
Die Genauigkeit, mit der die Bewegungen im Raum beschrieben werden, ist enorm. Die Reste dieser Bühne gibt es heute noch, sie ist so vermeintlich nah und doch auch fern wie die Figuren und ihre Dialoge. Die äußere Präzision ist lange mit historischer Genauigkeit gleichgesetzt worden. Sie galt als Realgeschichte. Dann kam die radikale Wende: Die Präzision der Erzählung wurde als das literarisch-fiktive Werk eines gestaltenden Autors angesehen. Die Saga bietet eine verwirrende Vielfalt von Deutungsmöglichkeiten. Aus einer ethisch-christlichen Perspektive stößt man auf Hochmut, Verführung, Schuld und Sühne. Aus einem politisch-sozialen Blickwinkel geht es um Macht, Machtverlust, Wiederaufstieg, geschicktes Herrschen und gesellschaftlichen Status. In ihrer – vermeintlichen – Offenheit mutet sie modern an, obwohl sie eine ganz fremde Welt beschreibt. Andreas Vollmer

Die Erzählung von Þorsteinn Ochsenfuß

Die Erzählung von Þorsteinn Ochsenfuß spielt in vorchristlicher Zeit und mischt sagatypische Motive mit phantastischen Elementen. Sie beginnt auf Island, wo ein Norweger eine Frau schwängert, sich aber nicht zu dem Kind bekennt und die Mutter sitzenlässt. Der kleine Þorsteinn wird ausgesetzt, aber von einem Bauern gefunden und aufgezogen. Þorsteinn entwickelt sich zu einem großen Mann, der im Laufe der Erzählung nicht nur im Auftrag des norwegischen Königs im Kampf gegen Trolle Heldentaten vollbringt, sondern schließlich auch seinen Vater davon überzeugt, ihn als Sohn anzunehmen. Thomas Esser

Die Saga von den Leuten auf Eyr

Die Episoden aus der Saga von den Leuten auf Eyr sind glänzend erzählt und gehören zu den Höhepunkten der Sagakunst, außerdem sind sie von hohem religions- und mentalitätsgeschichtlichem Interesse. Dies gilt vor allem für die unheimlichen Ereignisse, die sich kurz nach der Christianisierung auf dem Hof Fróðá zutragen und sich wohl auf die historische Erfahrung einer Epidemie zurückführen lassen. Die Geschichte von den unheilvollen Ereignissen auf Fróðá wird vereinzelt als der Beginn der europäischen Schauererzählung angesehen; Robert Louis Stevenson hat den Stoff in der 1914 posthum erschienenen Novelle The Waif Woman verarbeitet. Klaus Böldl

Versöhnung und Groll

‹Versöhnung und Groll› ist in der Mitte des 13. Jahrhunderts angesiedelt, in einer der kriegerischsten Zeiten, die Island je erlebt hat: Der heimtückische Mord an Snorri Sturlusson, dem berühmten Politiker und Dichter, Autor der Edda und der Egils-Saga, hat bürgerkriegsähnliche Zustände entfacht. Brutale Gewalt und zerstörerische Machtkämpfe bestimmen das Bild, zwei verfeindete Familienclans stehen sich unversöhnlich gegenüber. Island ist nunmehr gespalten, wird von der norwegischen Krone regiert. Da reicht einer der vormaligen Kriegstreiber, Gissur Thorvaldsson, dem Clan der Sturlungen die Hand zum Frieden. Einar Kárasons Roman wurde mit dem Isländischen Literaturpreis ausgezeichnet.

Die Saga von Grettir Ásmundarson

 Als Grettir Ásmundarson seinen Halbbruder Þorsteinn Drómund in Norwegen besucht, betrachtet dieser Grettirs muskulöse Oberarme und sagt: ‹Ich hätte dir weniger Kraft und mehr Glück gewünscht›. Dieser Satz beschreibt den zentralen Konflikt der Saga von Grettir Ásmundarson, denn sie erzählt die Geschichte eines Menschen, der ein Held sein könnte und doch zum Antihelden wird. An Kraft mangelt es Grettir Ásmundarson wahrlich nicht. Er bedient sich der rustikalen Kampftechnik, Gegner mitsamt Waffen und Rüstung bis über seinen Kopf zu heben und dann auf den Boden zu schmettern. Er rettet Bauersfrauen vor Berserkern und befreit von Spuk verheerte Bauernhöfe von Trollfrauen und Wiedergängern. Er ist intelligent, schlagfertig und selten darum verlegen, seine Ruhmestaten mit Skaldenstrophen zu besingen. Doch obwohl er damit fast alle Eigenschaften besitzt, über die ein klassischer Held verfügen muss, scheitert Grettir immer wieder am Schicksal und an seinem aufbrausenden Temperament.
Stil und Erzählweise legen nahe, dass die Autoren der Saga von Grettir Ásmundarson für das Vergnügen ihrer Leser sorgen wollten: Retardierende Momente, Schnitte und Perspektivwechsel wie im modernen Roman oder Film erhöhen immer wieder die Spannung. Die Saga präsentiert sich heutigen Lesern als überraschend modern erzählter und gleichzeitig rätselhaft fremder Text. Kristof Magnusson

Die Saga von Brennu-Njáll

Als Krone und Vollendung der Gattung gilt die Saga von Brennu-Njáll. Der anonyme Autor erzählt von einem permanenten Widerspiel der Kräfte von Freundschaft und friedliebendem Ausgleich auf der einen und einer von der Gesellschaft geforderten Pflicht zu Bestrafung und Rache auf der anderen Seite. Gunnars und Njálls Freundschaft wird durch eine Kette tödlicher Zwischenfälle auf zunehmend härtere Belastungsproben gestellt, sie bewährt sich, bis eine übermächtige Koalition von Feinden Gunnar zur Strecke bringt, nicht zuletzt weil er sich weigert, einen von Njáll für ihn vor Gericht ausgehandelten Vergleich zu erfüllen. Dreh- und Angelpunkt allen Geschehens ist immer wieder die Frage, ob, wie und mit welchen Mitteln ein Individuum in kritischen Konfliktsituationen seine persönliche Integrität und Unverletzlichkeit, das, was man früher seine Ehre genannt hätte, bewahren kann. Die Menschen sind als ausgeprägte Individuen dargestellt, eingebunden in Verwandtschafts- und Freundschaftsbeziehungen. Die höchste Strafe, die die Gesetze des isländischen Freistaats zur Sagazeit vorsahen, war die vollständige Verstoßung aus der Gemeinschaft: die große Acht sollte schließlich auch die Männer treffen, die sich verbündeten, um gegen Njáll und seine Söhne vorzugehen, mit Feuer und Schwert. Einen solchen Überfall, bei dem man das Haus des Angegriffenen mit seinen Bewohnern darin niederbrannte, nannte man eine Brenna. Doch der nächste Rächer folgte den Mordbrennern bald wie ein Schatten. Karl-Ludwig Wetzig

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